Die Digitale Vision

Man hat unsere Apelle wahrgenommen. Klar, Think-Tanks und Innovationshubs der Ministerien waren ein guter Anfang. Doch das wahre Gestaltungspotential lag schon immer an den Hochschulen. Mehr Professuren, mehr Studierende, mehr Fachpersonal. Interessierte Menschen, die sich intensiv mit der Entwicklung Künstlicher Intelligenz und den ethischen Fragen auseinandersetzen. Das war entscheidend. Mittlerweile bietet fast jede deutsche Hochschule KI-Studiengänge wie den von mir geleiteten an. Den beispiellosen Investitionen der Bundesregierung in die Zukunftsfähigkeit unserer Hochschulen sei Dank. Begonnen mit der Entwicklung einfacher KI-Systeme, sind wir mittlerweile mit einem Netzwerk aus Hochschulen, innovativen Behörden und externen Start Ups verantwortlich für hochkomplexe, staatliche KI-Anwendungen.

Keine Massendatenhaltung

So zerstreut wie die Entwicklung unserer Systeme ist auch deren Futter: Die schier unendlichen Datenmengen, die jeder täglich produziert. Zwar bietet der Staat den Tresor an, doch den Schlüssel zu seinem individuellen Schließfach, besitzt jeder selbst. Um Verwaltungsprozesse zu initialisieren, müssen Bürgerinnen und Bürger ihre Stammdaten gezielt freigeben und lassen diese verschlüsselt in die bereitgestellten Systeme einfließen. Diese entschlüsseln sie und nutzen sie zweckgebunden für den jeweiligen Verwaltungsakt. Somit bleibt der Staat Dienstleister. Der Bürger behält seine informationelle Selbstbestimmung. Man begegnet sich auf einer Stufe. Viele Fälle erfordern nicht einmal das aktive Beantragen von Leistungen. Teile der Verwaltung agieren völlig autonom. Ohne Einbezug von Bediensteten oder der Antragstellung durch den Kunden. Dieser gibt lediglich per App sein Okay zur Bearbeitung eines Anliegens, das ein KI-System als notwendig erachtet hat.

Positive Rückkopplung

Bestes Beispiel dafür ist der Kauf meines letzten Autos. Ich weiß, nötig ist das bei all den autonom fahrenden und fliegenden Taxen nicht. Dennoch – da bin ich altmodisch eingestellt und fahre gern selbst. Wie dem auch sei: Bei der Bezahlung im Autohaus aktivierte sich die digitale Identität des Wagens. Die Meldeinformationen wurden automatisch an die Zulassungsstelle gesendet und der Vorgang per Blockchain dokumentiert. Block für Block ist mein Vorgang nun fälschungssicher und transparent in einer verstreuten Datenbank verzeichnet. Neben der autonomen Rückkopplung von Bürgerhandeln und Verwaltung, macht die Verwaltungs-KI aber auch Vorschläge für bald notwendige Prozesse. Die Annahmen basieren auf vergangenen Handlungen. Wurde beispielsweise die Geburt und Anmeldung eines Kindes registriert, wartet die App mit der Beantragung von Leistungen auf. Dass ich mich eventuell scheiden lassen will muss ich dagegen selbst wissen und den Antrag eigens einspielen.

Die mitdenkende Stadt

Damit sich autonome Fortbewegungsmittel in der Stadt zurechtfinden, stellt der Staat die nötige Infrastruktur bereit. Die Verwaltung selbst nutzt das System aus Sensoren und Aktoren für den Bevölkerungsschutz und die Verkehrsleitung. Im Winter wird Frost an kritischen Stellen registriert und per Bodenheizung geschmolzen. Auf Bahnlinien wird automatisch die Frequenz erhöht, machen die Sensoren eine Überzahl von Fahrgästen an einer Haltestelle aus. Statt Strafverfolgung und flächendeckender Überwachung, sorgt Technologie und Künstliche Intelligenz auf den Straßen für eine effektiv genutzte Infrastruktur. Das durch die gesteigerte Effizienz eingesparte Geld, konnte in wirklich effektive Terrorismus- und Verbrechensbekämpfung investiert werden. Statt Massenüberwachung fokussiert man Staatshandeln auf qualitative Maßnahmen wie Prävention und Ursachenbekämpfung.

Politisierung per Smartphone

Zur Demokratieförderung wurden in die Verwaltungs-App mehrere Beteiligungsmöglichkeiten integriert. Neben einer Wahlfunktion kann in speziellen Foren staatliches Handeln kommentiert und diskutiert werden. Am relevantesten erscheint mir die Möglichkeit, auf lokaler und kommunaler Ebene Bürgerinitiativen einzubringen und sich an öffentlichen Entscheidungen zu beteiligen. Für den Lebensalltag relevante Entscheidungen verlagerten sich somit auf kommunale Ebene.

Die agile Behörde

Wer mit der Verwaltungs-App nicht klar kommt, kann sich überall im Land in einem One Stop Shop von Servicemitarbeitern unterstützen lassen. Dem enormen Personalabbau in der Antragsbearbeitung wurde somit etwas entgegengesetzt. Das über viele Schulungen qualifizierte Personal übernimmt zudem die Aufgabe, im Einzelfall angefochtene KI-Entscheide zu prüfen und die Systeme zu pflegen. Dazu gehört beispielsweise das Einspielen von Gesetzesänderungen mittels KI-Update. Zum Arbeitsalltag der Staatsbediensteten gehört es auch, bestehende Regelungen kritisch zu hinterfragen. Eine gesunde Fehlerkultur, Flexibilität und Offenheit garantieren, dass unser Verwaltungsapparat mit jeder noch kommenden Entwicklung umzugehen weiß. Wegducken brauchen wir uns vor dem Fortschritt nicht.

So viel zu unserer Vision. Wie sieht Ihre aus?

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